1988 – Stille Intensität

Manfred Engelhardt, in Augsburger Zeitung, 1988.11.24

Der Berliner Maler Manfred Schling in der Kellergalerie

Gedämpfte, verhaltene, ja verschlossene Farben in der Kellergalerie im Schaezler-Palais (Maximilianstraße 46). Das tiefe Gewölbe birgt derzeit als Ausstellungsschätze eine Auswahl von Arbeiten auf Papier von Manfred Schling: 37jähriger in Bad Salzuflen geborener, in Berlin lebender, dort bei Thieler an der Akademie ausgebildeter Künstler. Bis zum 18. Dezember ist seine Augsburger Präsentation noch zu sehen.

Ins Kalkige reichende, pastellige Töne, Erdiges, in Ocker abgebogene Gelb-Klänge, ein weißliches Mauve, gedämpft Moosig-Grünes – so versammelt Manfred Schling zunächst die Beschauer seiner Bilder zur Konzentration, zum unaufgeregten Sich-Einlassen auf scheinbar ruhige, sich ausbreitende Flächen, mit eingewebten Signalen, Schemen, geometrischen Andeutungen, Schwunggebärden.

Doch hinter dem bescheidenen Bildgestus, der zurückgenommenen Farbpalette verbirgt sich schon etwas, hat der Künstler einiges an Kraft und Bewegung versteckt – manchmal gut, so daß man schon länger seine Tableaus auf die Netzhaut wirken lassen muß; manchmal weniger sorgfältig, wobei Bewegung und Bedrohung, Schwung und Raumtiefe gleich ins Auge dringen.

Dreiecke und Leitern

Immer wiederkehrendes Motiv dieser Bilder ist das Dreieck. Es arbeitet sich entweder wie ein Turmdach – schwer gelb -, aus dem mauerartig-mörteligen Weiß hervor (viele Bilder haben verputzartige, körnige Oberfläche) oder es bricht eher sanft aus einem mit gedämpften roten Signalpunkten belebten Untergrund hervor („Gamba“), oder es changiert in einem subtilen Wechselspiel de räumlichen Vorstellung von innen oder außen. Ein anderes „tema con variazioni“ ist das Motiv einer Leiter, Signal für Aufsteigen, Höhe gewinnen. Besonders in der Arbeit „Leiternblatt“ gelang Manfred Schling ein plastisch virtuoses Herausarbeiten vom Schein eines Gegenstands, der zwischen realer Abbildung und schemenhafter Andeutung gehalten ist.

Schatten und Schemen

Manfred Schling kann auch kräftiger: Schwarze, vehement gezogene Doppelstreifen durchschneiden ein rost-orangen-rotes Feld („Somnambule“), oder aus einer Ballung von kalkig-weißlichem Lila-Mauve-Ton explodiert ein Kräftestrom von Farbsprengeln. Dunkle Schatten  und Schemen („Jäger“, „Adorat“) nähern sich aus der sanften Tönung in nicht festzumachender Bedrohlichkeit, und in „G. denkt an B. III“ gibt Schling nicht nur im Titel Rätsel auf: Ein Schattenspiel mit Schiff und Ruderern? Eine Pappelallee oder Schreibfedern? Eine Ausstellung, nicht für jedes Betrachtertemperament, doch durch stille Intensität überzeugend. (Die Öffnungszeiten sind täglich außer Montag von 10 bis 16 Uhr.)

Traduit par Erhard Friedberg